The Graz Vigil

Blick auf Graz © canadastock / shutterstock.com

Wir waren schon sehr früh getrieben von der Leidenschaft, die Kunst zu den Menschen zu bringen. Unser Interesse galt immer jenen künstlerischen Arbeiten, die sich mit dem Ort und seinen BewohnerInnen auseinandersetzen. Aus diesem Drang heraus wurde das Festival La Strada ins Leben gerufen. Zwei Jahrzehnte der Weiterentwicklung liegen nun bereits hinter uns. Die Generation jener Kinder, die La Strada in seiner Geburtsstunde miterlebt haben, ist heute erwachsen und für sie ist das Theater in den Straßen und auf den Plätzen ihrer Stadt zum Selbstverständnis geworden – ein fruchtbarer Nährboden, stetig neues Terrain zu erobern. Community Art-Projekte spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die vielfältigen Lebensrealitäten der Menschen und die dahinter verborgenen Geschichten werden zur poetischen Grundlage der künstlerischen Produktionen. Die Kunst der Gemeinschaft im Blick, verwirklicht La Strada im Kulturjahr 2020  The Graz Vigil  der belgisch-australischen Choreografin Joanne Leigthon,  das wir seit geraumer Zeit voller Leidenschaft und Engagement vorbereiten. 732 GrazerInnen werden zu Protagonistinnen und Protagonisten ihrer eigenen Stadt. Von 1. Jänner bis 31. Dezember 2020 sind sie eingeladen, für je eine Stunde zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, vom Schlossberg auf Graz zu blicken. Die speziell für das Projekt gestalteten Architektur von Tovo&Jamil entsteht in Zusammenarbeit mit Alexander Krischner und Dank langjähriger Kooperationen wie jene mit der Technischen Universität Graz, der Unterstützung behördlicher FachexpertInnen und lokalen Partner.

Das Dorf in Graz Reininghaus – Aufbruch in neue Stadtteile

Der Bevölkerung Partizipation auf Augenhöhe zu ermöglichen, den Grad der Mitgestaltung ihres Lebensraumes zu erhöhen und gemeinsam nach Antworten auf die Fragen möglicher Formen des Zusammenlebens zu finden – das alles sieht La Strada als Motor von Stadtentwicklung und Transformation. In Stadtbezirken, in denen La Strada noch nie war. Oder in jenen, die sich gerade im Wandel befinden. Wie in Graz Reininghaus, wo La Strada seit 2006 mit Produktionen wie jener von KompleXKarphanäum die Geschichte des Ortes und der Menschen lebendig macht oder jener der französischen Compagnie Rara Woulib und dem Publikum bis in die Morgenstunden tanzt. Im historischen Herzen des neuen Stadtteils für 10.000 Menschen, in der denkmalgeschützten Tennenmälzerei, arbeiten wir an der Realisierung eines Community & Creation Centers für innovative Produktionen, lokal verwurzelt, international von Bedeutung.

Im Kulturjahr wird die Tennenmälzerei zu einem Ort der Imagination des (Un-) Möglichen. Das mehrwöchige Projekt der Künstlerin Danae Theodoridou WHAT IF…? fragt nach dem, was zukünftig möglich und gegenwärtig vorzufinden ist, was wir bewahren wollen oder eben nicht. Es fragt nach der Meinung Vieler. Ein temporäres Versuchs- und Kreationslabor, das sich im öffentlichen Raum in der temporären Architektur Das Dorf ausdehnt. Dies kann Treffpunkt, Projektions- und Präsentationsfläche für die Communities vor Ort sein und Raum schaffen für diskursive Projekte mit Zugang für alle, so auch die 1-monatige partizipative Living Newspaper.

Leviathan – lokale und internationale KünstlerInnen teilen sich die Bühne

Auf unser österreichweites Netzwerk im Bereich des Neuen Zirkus greifen wir bei der Realisierung des Community Art-Projektes Leviathan zurück. Bei der europäischen Uraufführung im Rahmen der Eröffnung von La Strada am 24. Juli 2020 treffen 18 Weltklasse-ArtistInnen der australischen Compagnie Circa Contemporary Circus auf 18 österreichische PerformerInnen. In einem sich circa über 6 Wochen erstreckenden, intensiven Workshop gehen 2 teaching artists in intensiven Austausch mit jeweils sechs jungen AkrobatInnen, sechs zeitgenössischen TänzerInnen und sechs ArtistInnen aus dem Bereich Community Art. Das, was das Publikum auf der Bühne der Grazer Oper erleben wird, ist eine bewegende Darbietung zeitgenössischer Zirkuskunst auf Spitzenniveau. Eine hochaktuelle Auseinandersetzung auf Basis von Hobbes‘ philosophischen Gedanken zum Spannungsfeld zwischen Staatswesen und politischem Individuum. Leviathan versteht sich als mögliche Antwort auf den wachsenden Fundamentalismus und die Regulierungen durch die Medien und die vorherrschende Meinung. Eine Antwort, die nur von einer Gemeinschaft im Dialog und auf Augenhöhe gefunden werden kann.

Die Lust am Entdecken neuer Perspektiven, das Ausloten großer Themen unserer Zeit und die Suche nach künstlerisch zeitgemäßen Ausdrucksformen – all das ist seit jeher unser Antrieb.

 

Werner Schrempf
Künstlerischer Leiter, La Strada Graz